PRAGMA-Studie: Katholiken wollen tolerante, weltoffene Kirche.


Rottenburg/Stuttgart. Was erwarten katholische Christen von ihrer Kirche? Womit sind Sie zufrieden, was fehlt ihnen, was hält sie? Mit solchen und vielen weiteren Fragen hat PRAGMA im Auftrag der Diözese Rottenburg-Stuttgart mehr als 4.000 Personen in Interviews befragt, davon 3.000 katholische Kirchenmitglieder und mehr als 1.000 Menschen anderer Glaubensorientierungen aus der Gesamtbevölkerung. Die Erhebung hat unter anderem ergeben, dass sich die meisten Befragten eine offene, tolerante und kommunikationsfähige Kirche wünschen, die sich gesellschaftlich profiliert einmischt. Es hat sich zudem gezeigt, dass den Katholikinnen und Katholiken ihre Kirche als Ort sozialer und geistlicher Heimat sehr wichtig ist.


Der Studie zufolge haben drei von vier Katholiken sich noch nie ernsthaft mit dem Gedanken getragen, aus ihrer Kirche auszutreten. Umgekehrt tat dies allerdings jeder vierte Befragte. Anhaltende Bindungskraft für die überwältigende Mehrheit und ein hohes Risikopotenzial stehen sich gegenüber. Hauptgrund für Austrittserwägungen ist Entfremdung. Jeder Dritte nannte dieses Motiv, während finanzielle Gründe mit 15 Prozent eine untergeordnete Rolle spielen. 14 Prozent gaben die katholische Moral- und Sittenlehre als Grund einer Entfremdung an, 12 Prozent die Fälle sexuellen Missbrauchs. Die Kirchenmitglieder hält in ihrer Kirche die Orientierung in Wertefragen (Zustimmung von 51 Prozent), das Erleben von Heimat (48 Prozent) sowie das persönliche Glaubenszeugnis überzeugender Menschen (46 Prozent).

Kirche in fast allen Milieus vertreten

Die Studie ergab zudem, dass die Kirche in nahezu allen gesellschaftlichen Milieus verankert ist. Ganz besonders wichtig dabei ist das PRAGMA-Kommunikationsmilieu der “Gemeinwohl-Kommunizierer”. Diese Gruppe mit hohem gesellschaftlichen Engagement und genauso hoher Kommunikationsaktivität dominiert das interne Meinungsklima der Kirchenmitgliedschaft. Interessant: Auch junge kommunikationsstarke Milieus (“Toleranz-Aktivisten”) mit hoher Nutzung von Facebook, Twitter und ähnlichen Kanälen stehen der Kirche offen gegenüber, wenngleich sie besonders weit gehende Toleranz-Erwartungen hegen. Konservative Aktivisten mit extrem traditionalistischen Ansätzen dagegen stellte PRAGMA nur in einer verschwindenden Minderheit unter den Kirchenmitgliedern fest.Ihr persönliches Leben orientieren die Kirchenmitglieder am Gottesglauben, der für 80 Prozent der Befragten wichtig oder sehr wichtig ist. Daneben spielt der Leitwert Toleranz (85 Prozent) eine zentrale Rolle. Gerade mal 34 Prozent nennen einen hohen Lebensstandard als Orientierungspunkt, eine klare Absage an einen Materialismus.


Ihrer Kirche gegenüber haben die Katholiken eine klare Erwartungshaltung: Etwa neun von zehn Interviewten wünschten, die Kirche solle sich weniger abgehoben und lebensnaher äußern. “Wir sind als Kirche also dringend aufgefordert, unseren Kommunikationsstil weiter zu entwickeln”, konstatierte Bischof Gebhard Fürst. Mit dem Dialog- und Erneuerungsprozess verbinden sich daher große Hoffnungen für die Kirchenmitglieder. Die hoch angesetzten Werte wie Offenheit und Toleranz bestätigten den Kurs weltoffener Katholizität, der ein Qualitätsmerkmal der Diözese Rottenburg-Stuttgart darstelle. Als positiv vermerkte der Bischof außerdem den vielfach geäußerten Wunsch nach einer gesellschaftlich aktiven Kirche, die in ethischen Fragen Orientierung gibt. Ein Weg in ein selbst gewähltes Ghetto verbiete sich, so der Bischof. Vielmehr müsse sich die Kirche noch mehr einmischen und mehr menschliche Nähe ermöglichen. So dürften Seelsorgeeinheiten *nicht zu anonymen Großorganisationen werden. Um auf dem Weg zu einer wie von der Studie beschriebenen Gestalt der Kirche voranzukommen, bedürfe es intensiven Dialogs auf allen Ebenen. PRAGMA begleitet die Diözese Rottenburg-Stuttgart weiterhin umfassend bei der Entwicklung von Zukunftsstrategien.

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